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Wo die Geier kreisen…!

Sie fressen Knochen und das am liebsten in Gesellschaft: Wenn die Geier zum Festmahl rufen, kommt die ganze Sippschaft. So richtig beliebt macht das die größten und seltensten Greifvögel Europas nicht. Geier haben immer noch ein kleines Imageproblem. Das ändert sich jedoch schnell, wenn man erst eine Wanderung ins „Tal der Geier“ unternimmt. Im Nationalpark Hohe Tauern leben seit über 30 Jahren wieder Bartgeier. Und der Faszination, die von den imposanten Tieren ausgeht, kann sich kaum jemand widersetzen.

Das Gewitter der vergangenen Nacht hat Spuren hinterlassen. Regennass glänzen die Steine des Forstweges in der Morgensonne. Von den Kühen steigt Dampf auf, ebenso wie von den Almwiesen, deren intensives Grün fast unwirklich erscheint. Ein kleines Grüppchen aus unerschrockenen Wanderern steht am Parkplatz des Krumltals: Einige von uns in ausladenden Regencapes, andere mutig in kurzen Ärmeln. Aber alle in hoffnungsfroher Erwartung, gleich die größten flugfähigen Vögel der Welt zu sehen: die Geier! Kein Wunder also, dass der Blick schon jetzt über die Baumwipfel in Richtung Himmel wandert. „Passt trotzdem auf, wo ihr eure Füße hinsetzt“, lacht Nationalpark-Rangerin Mariella Voglreiter. „Ich sag euch schon Bescheid, wenn der erste Geier auftaucht.“ Und während sie ihren Rucksack samt Spektiv und Fernrohr schultert, schürt sie weiter unsere Vorfreude: „Wir haben heute ideales Wetter, um Geier zu beobachten. Schon bald wird die Sonne rauskommen: Die großen Tiere sind auf die Thermik angewiesen, fliegen immer nah an den Felswänden. Es wird nicht lang dauern, bis wir die ersten sehen.“

Auf den Spuren der Geier © Alpine Management Art Media GmbH

Und während unten der Krumlbach rauscht und oben in den feuchten Felswänden noch die letzten Nebelschwaden hängen, machen wir uns auf zu dieser Vogelexpedition der besonderen Art: Gut zwei Stunden wird die Wanderung durchs Krumltal bis zur Bräualm dauern. Zehn Tiere – so wurde uns versprochen – würden wir bestimmt sehen. An guten Tagen können es sogar bis zu fünfzig Tiere sein. Die hochaufragenden Felswände entsprechen so sehr dem idealtypischen Lebensraum der Bartgeier, dass man sich schon in den 1980er Jahren entschlossen hat, die ausgerottete Vogelart wieder anzusiedeln. „Die Bartgeier waren ursprünglich in den Alpen beheimatet. 1906 wurde das letzte Exemplar in Österreich geschossen. Geier wurden nie sonderlich geschätzt. Aufgrund ihrer Größe, vielleicht auch wegen ihres Aussehens und aufgrund der Tatsache, dass sie Aasfresser sind, haben sich viele Schauermärchen um sie gerankt“, erzählt uns Mariella Voglreiter im Gehen. „So sagte man ihnen unter anderem nach, sie würden Lämmer und Gämsen holen und sogar Kinder fressen.“

Die Kinder in der Gruppe machen große Augen: Nein, natürlich ist nichts davon der Fall! „Die Geier sind sogar die Hygienepolizei in den Alpen“, erzählt Mariella weiter. „Sie sorgen dafür, dass tote Tiere, die abgestürzt und verendet sind, rechtzeitig entsorgt werden. Dafür drehen die Geier Erkundungsflüge und sobald sie ein totes Tier entdeckt haben, holen sie ihre ganze Sippe zum großen Mahl. Geier sind sehr soziale Tiere: Sie teilen immer! Und auch die Aufteilung zwischen Gänsegeiern und Bartgeiern ist ideal: Während die Gänsegeier das Fleisch verzehren, fressen die Bartgeier vorwiegend Knochen, Sehnen und Muskeln. So haben sie auch ihren Beinamen ‚Knochenbrecher‘ erhalten.“

Nun werden auch die Augen der Erwachsenen größer: Aufgrund der spannenden Geschichten, die sie von Mariella erzählt bekommen, aber auch weil diese schon nach einer halben Stunde stehen bleibt und die Fernrohre auspackt. „So, da sind sie ja!“, und deutet hinauf in die Höhe. Und richtig: Da kreisen sie! Mächtige Geier mit zweifärbigen Flügeln und einer Spannweite mit bis zu drei Metern. „Das hier sind aber keine Bartgeier, sondern Gänsegeier“, erklärt Mariella Voglreiter. „Die sind hier nur auf Sommerfrische und kehren im Herbst nach Kroatien zurück.“

Nationalpark-Rangerin Mariella Voglreiter © Alpine Management Art Media GmbH

Imposant gleiten die Vögel durch die Luft: Zwei, drei und noch einer! Plötzlich versteht man ein wenig, warum die Menschen vor über hundert Jahren noch Angst vor den Tieren hatten: Sie wirken riesig, auch aus der Entfernung. Der große Schnabel leuchtet in der Sonne und die Körper der Vögel werfen dunkle Schatten an die Felswände. „Die bezeichnet man auch als Schlafwände“, erklärt Mariella Voglreiter. „Während die Bartgeier große Horste bauen, ziehen es die Gänsegeier vor, sich einfach mit dem Gesicht zur Felswand zu stellen und zu schlafen.“ Wie praktisch!

Und während jeder nach und nach einen Blick durchs Fernrohr wirft und Fotos gemacht werden, schweift der Blick weiter. Hat man zu Beginn gar nichts gesehen, scheint das Auge sich schon bald an die Umgebung zu gewöhnen. Und so dauert es nicht lange, bis die nächsten Tiere ins Blickfeld geflogen kommen: Die ersten Bartgeier! Während die Murmeltiere längst in ihre unterirdischen Behausungen verschwunden sind – es könnte unter den Geiern ja tatsächlich auch einmal ein Adler sein – kommen wir nur noch langsam vorwärts. Zu groß sind das Erstaunen und die Neugierde, immer wieder einen Blick durch die Spektive zu werfen.

Am Ende kommen wir dann doch noch bei der Bräualm an: Beglückt und immer noch wie „Hans guck‘ in die Luft“. „Griaß euch! Und, habt’s die Geier g’sehn?“, werden wir von der Sennerin begrüßt. Sie kann die Faszination um die Tiere verstehen und verspricht uns: „Setzt’s euch einfach her und esst’s einmal was. Heute sind viele Geier unterwegs: Die werden euch gleich von oben auf die Bretteljausen schauen und euch später auch wieder aus dem Tal nach Hause begleiten.“ Und sie sollte Recht behalten.

Mit dem Nationalpark–Ranger ins „Tal der Geier“

Wer Bart- und Gänsegeier in freier Wildbahn und in ihrem eigenen Lebensraum beobachten will, hat den ganzen Sommer Möglichkeit, sich Exkursionen im Rahmen des „Ranger-Sommerprogramms“ anzuschließen. Von 10. Juli bis 4. September 2019 werden jeden Mittwoch fachkundige Ranger-Führungen ins Krumltal angeboten. Ab 20. Mai ist zusätzlich die Erlebnisausstellung „Könige der Lüfte“ in Rauris-Wörth wieder geöffnet.

Natürlich kann das Krumltal auch individuell erwandert werden. Der Schutz der Bartgeierfamilie hat jedoch vor allem im Frühsommer oberste Priorität. Die Wege in der Umgebung des Horstes dürfen nicht verlassen werden, Filmen und Fotografieren im Nestbereich ist ebenso verboten. Wanderer werden dringend ersucht, Beobachtungstouren auf „eigene Faust“ zu unterlassen.

Das Sommerprogramm und weitere Infos zum Nationalpark Hohe Tauern: www.nationalpark.at

Bereit zum Abflug: Die Bartgeier und ihre Reise durch die Alpen

Ausgewilderte bzw. im Nationalpark Hohe Tauern geschlüpfte Bartgeier sind mit GPS-Sendern ausgestattet, sodass man ihre Flugrouten und –aktivitäten online mitverfolgen kann. Sehr spannend! https://hohetauern.at/de/forschung/greifvogelmonitoring/bartgeier-online.html

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