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Mein erster 3.000er…

…oder: „Oschauscheich war gestern!“

Ich bin ein Kind der Berge und von klein auf war ich auf den Gipfeln der Pinzgauer Berge unterwegs. Doch für hochalpine Ausflüge auf ausgesetzten Routen stand mir ein Faktum im Weg: die Höhenangst. „Oschauscheich“ wie man dazu im Pinzgau sagt, war über einige Jahre hinweg mein zweiter Vorname.

Jeden Tag sah ich rauf, zum Gipfel des Kitzsteinhorns. Markant, schroff und immer faszinierend. Der Gipfel des Gletscherskigebiets der Region Zell am See-Kaprun lachte mich förmlich an und doch dachte ich nie daran, dass ich eines Tages selbst ganz oben stehen könnte. Bis ich die Information der Gletscherbahnen Kaprun über eine geführte Gipfeltour in die Hände bekam: „Gemeinsam mit einem Bergführer erlebt man bei dieser Tour über 200 Höhenmeter, am Seil gesichert, sein persönliches 3000er Gipfelglück und genießt das einzigartige 360-Grad-Panorama.“

Einmal wöchentlich findet diese Tour im Sommer statt und der innere Schweinehund hatte ein paar Wochen lang noch echt gute Ausreden und Argumente um die Tour aufzuschieben. Doch dann kam der Moment: „Wann, wenn nicht jetzt,“ dachte ich mir und meldete mich und eine bergerfahrene Freundin, als seelische Unterstützung, an. Jetzt gab’s kein zurück mehr – und die Aufregung aber auch Vorfreude war enorm. Von versierten Bergfexen belächelt, da es ja nur 200 Höhenmeter zu überwinden galt, war das ein ideales Ziel für mein Experiment „Oschauscheich“.

Das Kitzsteinhorn - mein erster 3000er.

c EDanzer. Das Kitzsteinhorn – mein erster 3000er.

Der Tag X ist da…
Der Wetterbericht für unseren Gipfelsturm verspricht einen sommerlichen Tag ohne drohende Gewitter. Gut! Der Rucksack ist gepackt und die festen Bergschuhe sind geschnürt. Ein letzter Check: Sonnencreme, Sonnenbrille, Haube, Handschuhe, Getränk und vorsichtshalber sogar die warme Tourenjacke, denn auf über 3000 Metern kann die Temperatur auch im Sommer empfindlich kalt sein. Alles gecheckt – nur das flaue Kribbeln im Magen will einfach nicht aufhören.

Gemeinsam mit Tamara treffe ich also pünktlich um 9 Uhr bei der Talstation des Gletscher-Jets in Kaprun unseren Bergführer. Hans Peter Untermoser, ein erfahrener Bergfex durch und durch, begrüßt uns fröhlich und strahlt solch eine sichere Ruhe aus, dass jetzt auch mein Magen endlich einsieht, dass alles gut ist. Die mittlerweile vollzähligen Gäste, werden den insgesamt drei Bergführern zugeteilt. Mit Tamara und mir werden Uwe und Ilse aus Bonn und Rolf, ebenfalls ein deutscher Urlaubsgast, eine Gipfelseilschaft bilden.

Bei der gemeinsamen Auffahrt zur Gipfelwelt 3000, der Bergstation der Gletscherbahnen, legt sich zäher Hochnebel wie ein grauer undurchdringlicher Mantel um das Kitzsteinhorn und beim Betreten der Panoramaplattform hält diese heute (noch) nicht, was der Name verspricht. Hans-Peter legt uns die Klettergurte an und checkt nochmals unser Material – die warmen Jacken haben wir bei 5 Grad längst an und auch die Handschuhe sind schon ausgepackt. Während er uns ans Seil hängt, erklärt er den Ablauf der Tour und wie wir uns in der Seilschaft verhalten sollen. Soweit alles klar, nur mein Magen ist mit dem bevorstehenden Abmarsch gar nicht einverstanden. „Ruhig jetzt!“ lautet mein innerer Befehl von Hirn an Magen und wir setzen uns in Bewegung.

Das Stahlseil sichert den Weg

Das Stahlseil sichert den Weg. c EDanzer

Hans-Peter geht voraus, runter von der Plattform und hinauf über das steile schneefreie Geröllfeld. Ich konzentriere mich auf meine Schritte und finde schnell in einen trittsicheren Rhythmus – nur aufzuschauen wage ich nicht.  Ein Stahlseil sichert den schmalen, felsigen Weg und bei der dritten Kehre bläst der eisige Wind plötzlich die Nebelfetzen pfeifend an uns vorbei und gibt das Panorama für kurze Zeit frei.

 

Hans-Peter hat natürlich längst bemerkt, dass die Höhenangst noch an mir nagt und fordert mich auf, mich umzusehen. „Schau immer wieder hinunter und wenn du merkst, dass die Angst kommt, dann lass den Blick wieder zum Horizont schweifen.“ Gesagt, getan! Weit unter uns liegt der Hochnebel jetzt wie ein riesiger Wattebausch aus dem in der Ferne die Gipfel von Granatspitze, Stubacher Sonnblick und Großvenediger herausragen. Und plötzlich merke ich, wie aus Angst Faszination wird und der Blick bei jeder Kehre in die Ferne schweift. Glücklich signalisiere ich Tamara, die das Ende der Seilschaft bildet: „Alles OK!“ Ich beginne jetzt, jeden Schritt nach oben zu genießen. Unser Tempo ist gemütlich und doch taucht das Gipfelkreuz viel zu schnell aus dem Nebel vor uns auf. Nur noch der an beiden Seiten steil abfallende Gipfelgrat trennt uns von unserem Ziel. Doch siehe da – auch hier schweigt jetzt die Höhenangst und sicher überquere ich auch diese Stelle, die in meiner Vorstellung noch für Grauen und Gänsehaut gesorgt hat.

Im Nebel am Gipfelgrat. c EDanzer

Im Nebel am Gipfelgrat. c EDanzer

Antrag unterm Gipfelkreuz
„Ich bin da,“ denke ich, und kanns selbst kaum glauben, als mir Hans-Peter mit einem „Berg-Heil“ zum Gipfelsieg auf 3.203 Metern gratuliert. Ich spüre die Kraft und Freiheit des Gipfels und atme tief und befreit ein. Alle Teilnehmer unserer Seilschaft strahlen jetzt vor Glück, selbst Rolf, der unterwegs großen Respekt vor dem alpinen Gelände zeigte, lächelt jetzt übers ganze Gesicht. Auch die anderen beiden Gruppen sind noch am Gipfel und während sich endlich die Sonne durch die letzten Wolkenreste kämpft nutzt ein Teilnehmer der Tour die Gelegenheit: er macht seiner Freundin direkt unter dem Gipfelkreuz einen Heiratsantrag. Das „Ja!“ kommt genauso prompt wie der Jubel der Gipfelgesellschaft.

Der Abstieg über den Grat. c EDanzer

Der Abstieg über den Grat. c EDanzer

Nach einer kurzen Rast machen wir uns für den Abstieg bereit und als mich Hans-Peter ans Seil nimmt, meint er mit einem Augenzwinkern: „Ich glaub, das mit der Höhenangst hat sich erledigt.“ Der Abstieg gibt jetzt den Weg in seiner ganzen Steilheit frei. Unter uns liegt das Gletscherskigebiet mit der Gipfelwelt 3000 und dem Alpincenter, tiefer unter den Wolken könnte man bis zum Zellersee sehen. Aussicht, Tiefblick, Weitblick – und ich kann es ohne Angst und zitternden Knien genießen.

„Schade, dass es schon vorbei ist,“ denke ich, als wir zurück auf die Panorama Plattform treten und bedanke mich bei Hans-Peter, der mir durch seine Ruhe und Erfahrung Sicherheit gegeben hat. Durch seine Begleitung als Bergführer war dieser hochalpine Erstkontakt für mich ein sicheres und schönes Erlebnis. Ein Wanderausflug oder Spaziergang für Bergunerfahrene ist diese Gipfelbesteigung keinesfalls, doch durch diese geführte Tour können auch trittsichere Wanderer mit mittlerer Kondition das faszinierende Gefühl erleben, auf der Spitze eines 3000ers zu stehen.

Ich jedenfalls bin infiziert vom Gipfelfieber und bei einem Riesen-Wienerschnitzel im Gipfelrestaurant plane ich mit Tamara schon unsere nächste Tour, denn „Oschauscheich war gestern!“

Sanierung des Gipfelanstiegs

Im Herbst 2016 wurde der Anstieg zum Gipfel des Kitzsteinhorns durch die Bergführer Zell am See Kaprun – in Kooperation mit der Alpinschischule Angerer und Hirnböck – saniert. Alte Sicherungsstangen wurden abgeflext und rund 100 neue Stahlverankerungen angebracht. Diese wurden mit 50 Bohrhaken gegen die Schneelast gesichert und schließlich wurde ein neues Stahlseil eingezogen. Die Bergführer berichten: „Fast eine Tonne Stahl investierten die Gletscherbahnen in den alpinen Steig im Hochgebirge, der nun wieder auf dem neuesten sicherheitstechnischen Stand ist. Sollte sich der neue Steig bewähren, so gibt es durchaus noch Potential den Gipfel und den verfallenen Steig über den Nordgrat in kommenden Sommern wiederzubeleben.“

 

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