{"id":351994,"date":"2019-03-01T08:48:00","date_gmt":"2019-03-01T07:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/?p=351994"},"modified":"2019-05-22T12:45:18","modified_gmt":"2019-05-22T10:45:18","slug":"vom-holzfaellen-schindelmachen-und-muaskochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/vom-holzfaellen-schindelmachen-und-muaskochen\/","title":{"rendered":"Vom Holzf\u00e4llen, Schindelmachen und Muaskochen"},"content":{"rendered":"<p>Bert Hinterseer hat in der K\u00fcche des <a href=\"http:\/\/www.kalchofengut.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kalchofenguts<\/a> ein Feuer gesch\u00fcrt, dass es nur so raucht. Begierig knabbern die Flammen an den knacksenden Buchenscheiten, die einen unwiderstehlichen Geruch nach Holz und Wald verstr\u00f6men. Die gemauerten Gew\u00f6lbe in der K\u00fcche sind schwarz vom Ru\u00df der vergangenen Jahrhunderte und nun scheint eine weitere Schicht hinzuzukommen: Rauchschwaden ziehen durch die niedrigen R\u00e4ume des Bauernhauses. Dieses beherbergt seit Anfang der 1970er Jahre das Unkener Heimathaus, das mittlerweile zum Unkener Regionalmuseum avancierte. Bert hat die Hemds\u00e4rmel hochgekrempelt und seine sehnigen Unterarme und groben H\u00e4nde zeugen davon, dass er sein Leben lang hart gearbeitet hat: Er kocht das traditionelle Muas, so wie er es als junger Holzknecht gelernt hat. Von 1964 bis 1975 arbeitete der Unkener bei den Bayerischen Saalforsten, die sich aufgrund einer historischen Besonderheit auf \u00f6sterreichischem Boden befinden. Elf Jahre lang hat er vom Fr\u00fchjahr bis in den Herbst hinein in seinem Natur- und Lebensraum\u00a0Wald gelebt und gearbeitet: Jeden Montag zog er los, den Wochensack gepackt mit einem Laib Brot, Geselchtem, Mehl und Butter. Das Muas wurde in der Unterkunftsh\u00fctte zum Fr\u00fchst\u00fcck gekocht und verzehrt. \u201eDazu gab es schwarzen Kaffee und Walderdbeeren, wenn wir denn welche gefunden haben\u201c, erinnert sich der Falterbauer, w\u00e4hrend er die schwere Pfanne auf den Tisch in der Stube stellt. \u201eEs war eine sch\u00f6ne Zeit, auch wenn es harte Arbeit war. In jedem Fall haben wir als junge M\u00e4nner dort das Kochen gelernt. Aber das hab ich sp\u00e4ter wieder ganz schnell meiner Frau \u00fcberlassen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_351601\" style=\"width: 1180px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-351601\" class=\"size-1170_658 wp-image-351601\" src=\"https:\/\/cdn.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-1-1170x658.jpg\" alt=\"\" width=\"1170\" height=\"658\" srcset=\"https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-1-1170x658.jpg 1170w, https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-1-1200x675.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1170px) 100vw, 1170px\"><p id=\"caption-attachment-351601\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 SalzburgerLand Tourismus, Unterwegs im Salzburger Saalachtal<\/p><\/div>\n<h2>Holz war lange Zeit Lebensgrundlage in Unken<\/h2>\n<p>Wenn der Bert von seiner Arbeit als Holzknecht erz\u00e4hlt, tut er das mit leuchtenden Augen. Man selbst hat den Eindruck, er erz\u00e4hle aus einem anderen Leben. Dabei sind in der Zwischenzeit gerade einmal f\u00fcnfzig Jahre vergangen. Das Holz war in der waldreichen Gemeinde Unken im Salzburger Saalachtal lange Zeit die wichtigste Einkommensquelle und Lebensgrundlage: Seit dem 13. Jahrhundert wurde der Rohstoff vor allem f\u00fcr die Saline in Bad Reichenhall ben\u00f6tigt und gelangte auf dem Wasserweg dorthin. Die \u201eKonvention zwischen Bayern und \u00d6sterreich \u00fcber die beiderseitigen Salinenverh\u00e4ltnisse vom 18. M\u00e4rz 1829\u201c gilt als der \u00e4lteste Staatsvertrag Europas. F\u00fcr die Holzknechte machte es aber nie einen Unterschied, f\u00fcr wen sie schufteten: Die Arbeit war ein Knochenjob, gef\u00e4hrlich und riskant. Vor allem im Herbst, wenn die Baumst\u00e4mme ins Tal gezogen wurden, kam es zu grausigen Unf\u00e4llen. Wie gef\u00e4hrlich diese Angelegenheit war, bringt Bert Hinterseer auf den Punkt: \u201eUnten an den Holzrinnen standen die unverheirateten M\u00e4nner. Sollte einer zu Tode kommen, w\u00fcrde er zumindest keine Familie hinterlassen.\u201c Bei diesen Erz\u00e4hlungen vergisst man beinahe aufs Kauen, auch wenn das Muas, das ausschlie\u00dflich aus Schmalz und Mehl besteht, erstaunlich gut schmeckt.<\/p>\n<h2>Jedes Detail im Kalchofengut erz\u00e4hlt Unkener Ortsgeschichte<\/h2>\n<p>Die Besichtigung des Kalchofenguts gleicht einer kleinen Zeitreise. Das altehrw\u00fcrdige und liebevoll gepflegte Geb\u00e4ude wurde vermutlich um 1300 erbaut und ist bis heute der einzige, baulich unver\u00e4nderte Streckhof des Mittelpinzgaus: Bei diesem f\u00fcr die Region recht typischen Baustil sind Wohntrakt und Stall unter einem Dach vereint. \u00dcber zw\u00f6lf Generationen lang war das Haus im Besitz ein- und derselben Familie, danach diente es bis 1968 als Armenhaus, in dem vier Sozialwohnungen \u2013 ohne Strom und flie\u00dfend Wasser \u2013 untergebracht waren. Soweit die Fakten, doch das Kalchofengut und seine besonderen Details erz\u00e4hlen viele weitere Geschichten. So etwa das Andreaskreuz auf der Doppelt\u00fcr, das Unheil abwehren soll und auf das uns Museumskustos Josef Auer am Beginn des Rundgangs aufmerksam macht, ebenso wie auf das Bettelfenster neben der Haust\u00fcr, das kleine Schwalbenloch und den T\u00fcrrahmen aus Unkener Konglomerat. \u201eMan fuhr mit den R\u00f6ssern und dem Fuhrwagen ins Haus und durch den Hausgang weiter in den Stall. Daher gab es diese breite, doppelfl\u00fcgelige T\u00fcr\u201c, erkl\u00e4rt Josef Auer. Noch heute ist im Hausgang das ehemalige Schwalbennest zu sehen. In der Stube gibt es h\u00f6lzerne Stangen f\u00fcr die Rossdecken, das \u201eGebfenster\u201c \u2013 eine Art Durchreiche in die Rauchk\u00fcche \u2013 und ein Wandlkastl, in dem der Bauer seine besten Schn\u00e4pse verwahrte. \u00dcber die Treppe geht es hinauf ins Obergescho\u00df mit Schlafzimmern, Sakralkammer und einer Christusstatue aus dem Jahr 1375.<\/p>\n<div id=\"attachment_351603\" style=\"width: 1180px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-351603\" class=\"size-1170_658 wp-image-351603\" src=\"https:\/\/cdn.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-3-1170x658.jpg\" alt=\"\" width=\"1170\" height=\"658\" srcset=\"https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-3-1170x658.jpg 1170w, https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-3-1200x675.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1170px) 100vw, 1170px\"><p id=\"caption-attachment-351603\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 SalzburgerLand Tourismus, Rauchkuchl<\/p><\/div>\n<h2>Das Leben in Unken quer durch die Jahrhunderte: Von der Wiege bis zum Totenb(r)ett<\/h2>\n<p>Der Geruch h\u00e4ngt noch in den alten Gem\u00e4uern des Kalchofenguts: Er regt die Fantasie an und wie von selbst tauchen Bilder im eigenen Kopf davon auf, wie man unter dem Dach des Bauernhauses gelebt, gearbeitet, geliebt, gelacht und geweint hat. Das Leben war gewiss kein Spaziergang, weder f\u00fcr die Bauersfamilie noch f\u00fcr die Knechte und M\u00e4gde. Dunkelheit und Licht gaben den Tagesrhythmus vor, die Arbeit war existenziell und die Tiere wichtige Lebensgrundlage. Der Glaube an Gott und der sonnt\u00e4gliche Kirchgang oberstes Gebot. Den letzten Weg in die Kirche legten Verstorbene auf einem Totenbrett zur\u00fcck, auf dem sie zuvor in der guten Stube aufgebahrt wurden. Heute zieren verschiedene Totenbretter die stra\u00dfenseitige Fassade des Kalchofenguts. \u201eMeistens wurden die Bretter an Heustadeln oder Wagenh\u00fctten entlang des Weges angebracht, den der Verstorbene zu Lebzeiten immer zum Kirchgang zur\u00fcckgelegt hat\u201c, erkl\u00e4rt Josef Auer.<\/p>\n<h2>Viel Gef\u00fchl f\u00fcr Holz und ein altes Handwerk<\/h2>\n<p>Bert Hinterseer hat zwischenzeitlich die Pfanne gesp\u00fclt sowie Stube und K\u00fcche nach Holzknechtmanier aufger\u00e4umt. Gut gest\u00e4rkt geht es nun in der alten Tenne ans Schindelmachen. \u201eDie traditionellen Schindeln sterben leider aus, weil ihre Herstellung viel Arbeit macht, aufw\u00e4ndig und kostspielig ist\u201c, erz\u00e4hlt er und donnert im n\u00e4chsten Moment den Holzschlegel mit voller Wucht auf den L\u00e4rchenstamm. Sp\u00e4testens jetzt wird klar, wieviel Kraft der drahtig aussehende Bauer hat: Wie von selbst scheint sich eine rund 75 Zentimeter lange und gut drei Zentimeter dicke Holzplatte von dem Stamm zu l\u00f6sen: Die erste Schindel ist fertig. Der Falterbauer macht unbeeindruckt weiter: Wieder und wieder saust der Holzschlegel auf den Stamm. Mit Kletzhacke und Reifmesser wird die Schindel fertig gearbeitet. Was bei Bert Hinterseer so einfach aussieht, ist ein alt\u00fcberliefertes Handwerk, das nur noch wenige beherrschen. \u00dcber Jahrhunderte hat das traditionelle Holzschindeldach die alpine Architektur im Salzburger Saalachtal und im Pinzgau gepr\u00e4gt, heute ist es eine Kunst, die man sich meist nur noch f\u00fcr die D\u00e4cher von Kirchen oder Kapellen leisten will. Der Falterbauer hat das K\u00f6nnen an seinen Sohn weitergegeben. Ihre eigenen Almh\u00fctten sind ausschlie\u00dflich mit Holzschindeln gedeckt. Rund 16 bis 20 Schindeln braucht man f\u00fcr einen Quadratmeter, alle vier bis f\u00fcnf Jahre m\u00fcssen diese umgedreht und neu geordnet werden. Dann haben die Schindeln eine Lebenszeit von etwa zwanzig Jahren. Beschwert werden sie ausschlie\u00dflich mit Steinen und Schwerstangen. Allein f\u00fcr das Dach des Kalchofenguts werden 3.000 einzelne Holzschindeln ben\u00f6tigt. \u201eDas Schindelmachen ist eine Winter- oder Schlechtwetterarbeit\u201c, schmunzelt Bert Hinterseer. \u201eMit Holz zu arbeiten macht mir heute so viel Freude wie vor f\u00fcnfzig Jahren. Daran hat sich nie etwas ge\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_351602\" style=\"width: 1180px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-351602\" class=\"size-1170_658 wp-image-351602\" src=\"https:\/\/cdn.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-2-1170x658.jpg\" alt=\"\" width=\"1170\" height=\"658\" srcset=\"https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-2-1170x658.jpg 1170w, https:\/\/www.salzburgerland.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/handwerk-2-1200x675.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1170px) 100vw, 1170px\"><p id=\"caption-attachment-351602\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 SalzburgerLand Tourismus, Alte b\u00e4uerliche Ger\u00e4tschaften aus Holz<\/p><\/div>\n<h3>Rezept f\u00fcr traditionelles Holzknecht-Muas<\/h3>\n<ul>\n<li>3 gro\u00dfe L\u00f6ffel Mehl pro Person<\/li>\n<li>reichlich Butterschmalz<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine schwere Pfanne erhitzen, Butterschmalz darin schmelzen und das Mehl beigeben. Das Mehl unter st\u00e4ndigem R\u00fchren so lange im Butterschmalz r\u00f6sten bis es br\u00f6selig wird und eine braune F\u00e4rbung erh\u00e4lt. Das kann gut eine Viertelstunde dauern. Mit Kaffee servieren.<\/p>\n<p>Wer es nicht ganz so puristisch mag, mischt frische Fr\u00fcchte oder Kirschen unters Muas und s\u00fc\u00dft es mit Zucker.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bert Hinterseer hat in der K\u00fcche des Kalchofenguts ein Feuer gesch\u00fcrt, dass es nur so raucht. Begierig knabbern die Flammen an den knacksenden Buchenscheiten, die einen unwiderstehlichen Geruch nach Holz und Wald verstr\u00f6men. 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