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Der neue Eremit von Saalfelden

Wer die Einsamkeit liebt, keine Scheu vor Menschen hat und sich gerne in eine über 350 Jahre alte Tradition einreiht, der könnte in Saalfelden seinen Traumjob finden. Denn die Einsiedelei hoch über der Stadt, abgeschieden und doch von vielen Menschen besucht, wird seit dem 16. Jahrhundert fast permanent von Eremiten bewohnt. Doch was heißt es, Tag und Nacht am Berg zu verbringen, Einsamkeit und Geselligkeit jeden Tag in Kombination zu leben und welchen Herausforderungen sollte man als Einsiedler gewachsen sein? Fragen wie diese kann einem ab April 2017 ein 58-jähriger Belgier beantworten. Denn nachdem sich Stan Vanuytrecht zu Beginn des Jahres gegen rund 50 andere Bewerber durchsetzen konnte, wurde er zur Georgifeier erstmals als neuer Eremit präsentiert. 

„Wir suchten einen in sich ruhenden Menschen, der bereit ist zum Gespräch. Er soll sich aber nicht aufdrängen“, erzählt Dechant Alois Moser aus Saalfelden über die Eigenschaften, die der neue Einsiedler mitbringen sollte. Bereits seit dem 16. Jahrhundert wird die am schroffen Felsen gelegene Klause am Palfen von gläubigen Menschen bewohnt. Allesamt suchten sie ihr Glück in der Einsamkeit und wollten auf diesem Weg Gott näherkommen. Bis Herbst 2016 nannte Bruder Raimund aus Vorarlberg die schlichte Bleibe auf über 1.400 Metern Seehöhe sein Zuhause, hatte für die Pilger, die zum Bildnis des Heiligen Georgs, des Schutzpatrons der Tiere, kamen, ein offenes Ohr. Außerdem wusste er allerlei Geschichten zu erzählen. Meist fand man den durch und durch zufriedenen Menschen auf der Holzbank vor der Kirche sitzend. Sowohl das Gesellige, als auch das Schweigen waren diesem Menschen nicht fremd. Mit Ende des Jahres zog er sich aus Saalfelden zurück und machte Platz für einen neuen Eremiten

Blick ins Tal hinunter von der Einsiedelei Saalfelden aus.

Von der Einsiedelei aus hat man einen herrlichen Blick hinunter ins Tal. Man sollte aber auch mit Stille und Einsamkeit gut umgehen können.

Das karge Leben ist sicherlich nicht jedermanns Sache und möge wohlüberlegt sein. Schließlich muss man zur Gänze auf Strom und fließendes Wasser verzichten, bekommt kein Gehalt und muss in der Lage sein, für seinen Lebensunterhalt selbst aufzukommen. Dafür sei man mit viel Zeit für das Gebet und sich selbst gesegnet. Die jährliche Saison auf der Einsiedelei dauert von April bis November und ist auch von der Witterung und den Schneeverhältnissen abhängig. In den Wintermonaten ist die Eremitage unbewohnbar.

Gekommen um zu bleiben

Stan Vanuytrecht scheint wie für diese Aufgabe geschaffen. Ruhig und gefestigt in seiner Natur, hat er schon seit Längerem das Bedürfnis verspürt, in die Einsamkeit zu gehen. Als er dann von dem freien ‚Posten‘ oberhalb von Saalfelden erfuhr, wusste er gleich, dass das sein Platz sei. Die Kombination aus Stille  und fast schon meditativem Alleinsein in der Früh und am Abend, mit dem geselligen Zusammentreffen untertags, habe für ihn den Ausschlag gegeben, definitiv länger bleiben zu wollen. Auch wenn er die Aufgabe hier im SalzburgerLand als eine der Größten seines Lebens erachtet, so kann der Belgier doch auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Abgebrochenes Studium, Eintritt in die belgische Luftwaffe und Ausbildung zum Artillerieoffizier mit zweijähriger Stationierung in Deutschland (daher die guten Deutschkenntnisse), erneutes Studium – diesmal Vermessungswesen – und die Arbeit als Vermessungstechniker machten aus dem neuen Eremiten das, was er heute ist. Doch als wäre das nicht genug, arbeitete Vanuytrecht nebenbei im Sozialbereich und als Diakon für die Kirche, absolvierte die Ausbildung zum Sanitäter und betreute Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige. Ein tiefgläubiger und sozial sehr engagierter Mensch, der auch nach seiner Pensionierung 2014 noch allerlei bewirken möchte. 

Auch so manche Schattenseite des Lebens musste der passionierte Trabi-Fahrers kennen lernen. Eine Scheidung und die daraus resultierende Existenz am finanziellen Abgrund zeigten ihm, dass es jeden treffen kann und das man nicht vorschnell urteilen bzw. verurteilen sollte. Zuhören ist wichtiger als reden, verstehen wichtiger als beraten. Egal ob auf den Straßen belgischer Städte, im Alltag generell oder auf dem Bankerl vor der Saalfeldener Einsiedelei. 

©alle Bilder: Saalfelden-Leogang-Tourismus

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