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Kleine Erleichterung

3. Tag: von Goldegg-Böndlsee zur Heinrichalm

So geht´s nicht weiter! Der Rucksack ist eindeutig zu schwer. Ich muss auf ein paar Sachen verzichten und sie hier im Hotel lassen. Zum Opfer fallen schließlich:

  • Glas: warum hab´ ich das eigentlich mitgenommen
  • Korkenzieher: siehe Glas
  • Messer: gibt´s auf jeder Hütte
  • Zweithandtuch: das Mikrofaserhandtuch genügt
  • Gürtel: die Hose hält (vorerst) auch noch ohne
  • Buch: die Energie reicht am Abend gerade noch zum Zähneputzen
  • Jacke: ich komme bei diesen Temperaturen wohl auch mit Regenjacke + Fleecejacke klar
  • Regenüberhose: meine Wanderhose erwies sich auch im Starkregen als wasserdicht
  • Hütten-Broschüre: kann ich auch zuhause alles nachlesen
  • T-Shirt: die restlichen beiden reichen
  • Visitenkarten: interessieren hier oben niemanden
  • Picknickdecke: die allgegenwärtigen Ameisen zwingen sowieso zur Rast auf Bänken
  • Wasserflaschen-Gurt: kollidiert permanent mit dem Hüftgurt des Rucksacks
  • Schirm: auch einer der Tipps, die ich bekommen hatte. Aber viel zu anstrengend, ihn zu halten und gleichzeitig im schwierigen Gelände zu wandern
  • Rucksack-Regenschutz: der Rucksack ist auch ohne Schutz wasserdichter als man selbst

Ich schätze die Gewichtsreduzierung auf drei Kilo. Auf jeden Fall ist sie spürbar. Und die erste halbe Stunde des Tages ist wieder eine Relax-Etappe. Es geht eine kleine Straße abwärts zum Bahnhof in Lend. Das war´s aber auch schon mit der Gemütlichkeit. Denn nun folgt ein Anstieg über 750 Höhenmeter bis zur Kögerlalm, wo ich mich mit den legendären Blattlkrapfen dope. Die Aussicht dort ist so himmlisch, dass man eigentlich nie mehr weg möchte. Besonders, wenn man sich die weitere Tagesetappe im Plan ansieht. Aber die nächste halbe Stunde ist erst mal wieder erholsam. Es geht durch einen Lärchenwald bis zur Drei-Waller-Holzkapelle, ein beliebtes Fotomotiv. Dort mache ich nochmals kurz Rast, denn ich weiß, dass nun fünf harte Stunden bevorstehen. Sehr harte Stunden, wie sich zeigt. Mit weiteren 550 Höhenmetern. Ich bin überrascht, dass ich unterwegs so wenig andere Leute treffe. Auf den Hütten schon, dort sind oft Gruppen und Familien, die im Rahmen von Tagestouren nach oben kommen. Aber die Zahl der Wanderer, die den Almenweg zu dieser Jahreszeit machen, ist überschaubar.

Wenn man im Einzugsgebiet von München am Wochenende in den Bergen unterwegs ist, freut man sich, möglichst wenigen Mitmenschen zu begegnen. Nun beobachte ich mich dabei, wie ich mich über jede Abwechslung freue, mit jedem Wanderer, den ich treffe, einen kleinen Plausch halte. Aber nicht nur mit den Menschen spreche ich, auch mit den Kühen, von denen ich weitaus mehr treffe. Und bewundere sie, wie sie mit ihren mehr als 500 Kilogramm auch im steilsten Gelände unterwegs sind. Die Kühe, sie werden zu meinem Trost. In harten Momenten sage ich mir: „Wenn die hier hoch gekommen sind, dann schaffst du das auch!“ Wieder sind meine Batterien völlig leer, als ich gegen 8 Uhr am Abend die Heinrichalm erreiche. Eigentlich wollte ich die letzten beiden Stunden eine Variante über einen Alpinsteig gehen. Aber der ist durch das Unwetter in der Nacht noch extrem glitschig und feucht, so dass ich mich für den harmloseren Weg entscheide.

Die Heinrichalm ist an Urigkeit nicht zu toppen. Was auch an Hüttenwirt Franz liegt. Der 70-Jährige hat mehr Energie als manche komplette Schulklasse mit 14-Jährigen. Mit seiner Frau Sieglinde sitzt er den ganzen Abend bei seinen Gästen. Fünf sind es mit mir an diesem Abend. Es gibt Forelle aus dem eigenen Teich und Wurst, Käse, Brot – alles selbst gemacht. Dazu wird lebhaft diskutiert. Zum Beispiel auch über mein Vorhaben, den Almenweg in zwei Wochen zu machen. Franz ist nicht überzeugt von der Idee. „Es widerspricht doch eigentlich der Idee des Almenwegs, daraus ein Wettrennen zu machen“ sagt er. „Da nimmst du doch nur die Hektik des Alltags mit hier rauf. Es ist ein Genussweg. Man soll immer wieder einmal stehen bleiben und staunen. Das ist der Sinn und Zweck.“ Ich fürchte, er hat Recht. Seine Worte hallen noch lange in mir nach. Wie auch die Melodien seiner Knopfharmonika, die er später noch holt. Das grandiose Finale eines anstrengenden Tages. Ich habe in meinem Leben selten ein so sichtlich zufriedenes Paar wie Sieglinde und Franz erlebt. Und einen Ort von solch ehrlicher und herzlicher Gastlichkeit. Ein Ort, an dem die Zeit – im besten Sinne des Wortes – still steht.

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