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Glück lässt sich nicht erzwingen. Aber erwandern

2.Tag: von der Mitterfeldalm nach Goldegg-Böndlsee

Um 7 Uhr klingelt mein Handywecker, sonst hätte ich wohl bis 10 Uhr durchgeschlafen – dank der Ruhe und der klaren, vom Gewitter gereinigten Höhenluft. Ein traumhafter Tag kündigt sich an. Mit makellosem Sonnenschein. Nach einem deftigen Frühstück geht´s auch gleich los. Nun ist der Almenweg exakt so, wie ich mir das in den schönsten Träumen vorgestellt hatte: Er verläuft ohne große Steigungen oder Abstiege entlang der Südflanke des Hochkönigs. Ein grandioses Panorama. Immer wieder neue Motive wie aus dem Fotokalender. Ich ertappe mich dabei, wie ich „Im Frühtau´zu Berge…“ vor mich hinpfeife. Nach einer Stunde treffe ich auf zwei Klosterschwestern. Sie sitzen auf einer Bank mit Blick auf die mächtigen Felswände. Was für ein Platz! Vor einer natürlichen Architektur, die jedem gotischen Dom starke Konkurrenz macht. Die Almen sind auf diesem Streckenabschnitt aufgereiht wie Perlen.

Eine idyllischer als die andere. Ich muss hart mit mir kämpfen, um erst nach 4 Stunden auf der Erichhütte Pause zu machen. Das ist der Nachteil meines straffen Programms. Für den Genuss bleibt nicht allzu viel Zeit. Bei meiner Jause habe ich die Nachmittagsaufgabe bereits im Blick: den Schneeberg, 1938 Meter hoch. Ihn gilt es zu überqueren. Er überrascht beim Aufstieg mit einer fast schon mystisch schönen Moorlandschaft. Allerdings ohne jeden Schatten. Die Julisonne gibt jetzt, am Mittag, wirklich alles.
Doch das monotone Steigen mündet Schritt für Schritt in eine Art Meditation. Die Gedanken fangen an, sich zu verselbständigen. Manchmal sind es banale. Zum Beispiel die Frage, ob man als Tierfreund eigentlich guten Gewissens wandern kann, da man doch täglich Tausende von Ameisen platt macht. Dann wieder bleibt auch mal ein fast schon philosophischer Gedanke hängen.

Wie der Spruch, der mir plötzlich einfällt: „Glück lässt sich nicht erzwingen. Aber erwandern.“ Die Mischung aus Lust und Qual ist heute im Gleichgewicht. Bis zur Abzweigung kurz vor dem Gipfel des Schneebergs. Soll ich links oder rechts gehen? Die Wegweiser geben keine unmissverständliche Auskunft. Gemäß meiner Interpretation aller Karten entscheide ich mich für rechts. Und muss nach 40 Minuten Gehzeit und etwa 150 Höhenmetern aufwärts und 100 abwärts feststellen, dass die Entscheidung falsch war. Ich könnte vor Wut in den Wanderstecken beißen. So ganz relaxt bin ich wohl doch noch nicht. Bei diesem Tagespensum ist ein Umweg von mehr als einer Stunde genau das, was man nicht braucht. Ich bin kein großer Fan von Technik am Berg. Aber ein Outdoor-GPS-Gerät wird meine nächste Anschaffung.

Die Energie, die ich auf dem Umweg gelassen habe, fehlt mir beim letzten Anstieg des Tages aufs Hochegg. Das erste Leistungstief – und das bereits am zweiten Tag. Mein chronisch überhitzter Körper saugt die Flüssigkeit auf wie ein Schwamm. Bereits über vier Liter Wasser und einen halben Liter Bier habe ich heute nachgeschüttet. Liegt´s an der mangelnden Konzentration? Beim Durchschreiten eines Metalldrehkreuzes an einem Viehzaun stelle ich mich so ungeschickt an, dass ich mir einen tiefen Schnitt ins Schienbein hole. Blut läuft nach unten. Und lockt die Fliegen an. Zumindest geht´s ab nun nur noch bergab. 3 Stunden lang. Was ebenfalls nicht unanstrengend ist. Ich bin schwer in Versuchung, eine Stunde vor dem Ziel einen Lieferwagen anzuhalten, der mich auf dem Güterweg überholt.

Aber Ehrensache, es wird nicht geschummelt. Mein Abenddomizil ist heute nobel: das Viersterne-Hotel „Seeblick“. Wie der Name schon sagt, direkt am Böndlsee gelegen. Doch die 50 Meter zum See, um dort noch schwimmen zu gehen, sind mir zu anstrengend. Meine Kraft reicht gerade noch, mich zum Abendessen zu schleppen. Ich muss gestehen: Zurück ins Zimmer im zweiten Stock nehme ich den Aufzug. Bereits kurz nach 22 Uhr falle ich in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen werden sie beim Frühstück von einem Jahrhundertgewitter erzählen, das über den Ort gezogen ist. Ein Blitz hat wohl sogar nebenan im See eingeschlagen. Ich wurde nicht wach sondern schlief so fest wie einer der vielen Felsen, die ich heute hinter mir gelassen habe.

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