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Die erste Krise

4. Tag

Reingefallen! Im Hütteneingang hängt ein Schild: „Bei Feuer bitte wenden.“ Ich drehe das Schild neugierig um. „Nur bei Feuer, du Arschloch!“ steht auf der anderen Seite. Vermutlich ein ziemlicher alter Gag, dem ich da als erste Aktion des Tages auf den Leim gegangen bin.

Als Städter ist man etwas unsicher im Umgang mit Kühen. Die Herde von Franz bewacht ein Drehkreuz, 500 Meter von der Hütte entfernt, das ich nun eigentlich passieren müsste. Ich versuche, die Kühe zur Seite zu schieben, zu verscheuchen. Ohne Erfolg. Schließlich gebe ich nach und klettere ein Stück von den Tieren entfernt über den Weidezaun.

Die ersten 45 Minuten durch die „Saugruam“ zur Präau Hochalm sind an Schönheit schwer zu toppen.. Letzte Nebelschwaden lösen sich langsam auf, die Landschaft ist von einer geradezu majestätischen Schönheit. Der Juli ist der perfekte Monat für diese Tour, denn satter als das Grün der Hochalmen zu dieser Jahreszeit, kann ein Grün nicht sein. Beschwingt von einem frühen Schnaps, spendiert von der Präuau-Wirtin, geht es auf einer Forststraße weiter. 9 weitere Gehstunden stehen mir bevor. Ich habe viel Zeit, um über die Worte von Franz von gestern nachzudenken. Bin ich mit meinem Rekordplan in eine selbst gestellte Falle getappt? Ist es vielleicht so, als würde man das Museum Louvre in einer Stunde besichtigen wollen? Hat nicht jede der Einzeletappen des Almwegs die Berechtigung, mit Ruhe und Muse begangen zu werden?

Körperlich ging´s mir auch schon mal besser. Obwohl ich seit gestern mit den leichten Joggingschuhen unterwegs bin, die Socken nicht wechsle, Hirschtalgcreme verwende und dazu noch alle Druckstellen am Morgen mit Gelpflaster überklebt habe, fühlen sich meine Füße schon an wie rohes Fleisch. Dazu unzählige Mückenstiche. Was mir jedoch am meisten Sorge macht: Abwärts spüre ich ein Stechen im linken Knie. Und auch mein chronischer Fersensporn im rechten Fuß meldet sich seit Jahren mal wieder. Und das bereits am 4. von 15 Tagen. Werde ich die Tour überhaupt durchhalten? Will ich sie durchhalten? Ich bin mittlerweile 48 Jahre alt. Bin ich bereits über dem Gipfel meiner maximalen Leistungsfähigkeit?

Zu allem Überfluss verliere ich auch noch mein Handtuch, das zum Trocknen hinten am Rucksack hing. Fünf Minuten lang überlege ich, ob ich umkehren soll. Ich kann es im schlimmsten Fall direkt nach der Präau-Alm verloren haben, da habe ich es zum letzten Mal gesehen. Das war vor 35 Minuten. Nun, keine Frage, das Handtuch brauche ich. Also heißt es: umkehren! Ich habe Glück. Es liegt ganz friedlich gleich hinter der letzten Kehre. Ich sehe die ersten Schwammerln dieser Saison. Aber ansonsten „zieht“ sich diese Doppeletappe heute etwas. Kann es sein, dass ich auch schon einen ersten Overkill an Alpinlandschaft habe? Einige Merkmale und Grundstrukturen der Landschaft wiederholen sich dann doch. Oder fehlt meinen Augen nur die Muse, sich im Detail darauf einzulassen?

Zum ersten Mal vermisse ich einen Begleiter. Und sei es auch nur ein Hund. Irgendeine Form der Kommunikation, ganz egal. Ich ertappe mich dabei, dass ich – wie damals als Kind hinten im Auto – mich selbst mit der Frage nerve: „Wann komme ich endlich an?“ Im konkreten Fall auf der Biberalm, meiner Mittagsstation. Der letzte 500-Meter-Anstieg des Tages hoch zur Schlossalm Bergstation über Bad Hofgastein, wird zur Qual. Mein Energiedepot ist nahe null. Die Schultern und der Rücken schmerzen vom Rucksack. Ich denke an eine Geschichte, die ich kürzlich im „Spiegel“ gelesen habe. Chinesische Bergsteiger haben einen Italiener am Mount Everest gerettet und mehrere Hundert Höhenmeter nach unten getragen. Ein Bergsteiger in Montur wiegt sicher mindestens 80 Kilogramm. Wie haben die das nur gemacht? Sie haben jedenfalls meinen höchsten Respekt. Ich fülle inzwischen nur noch meine kleine 0,5-Liter-Wasserflasche, um jedes Gramm Gewicht zu sparen. Quellen gibts am Wegesrand zum Glück regelmäßig.

Auf Reservemodus erreiche ich das Hofgasteinerhaus, ein klassisches Bergsteigerhaus. Als ich nach über 10 Stunden den Rucksack abschnalle, fühle ich mich wie ein Astronaut, der ohne Schwerkraft über den Boden zu schweben scheint. Und selten habe ich mich so auf ein Abendessen gefreut wie auf die deftigen Semmelknödel mit Linsen und Speck. Dazu köstlichen Zweigelt. Als ich später nach draußen gehe, um noch ein Zigarillo zu paffen, ist es seit Tagen zum ersten Mal etwas kühler. Angenehm frisch, hier auf 1950 Metern Höhe. Und während ich vor der Hütte sitze, sehe ich plötzlich ein Leuchten hinter der Ankogelgruppe schräg gegenüber. Es wird stärker. Langsam schiebt sich der Vollmond nach oben. Verdammte geliebte Berge. Erst quält ihr mich einen Tag lang, und dann schenkt ihr mir so einen unvergesslichen Moment!

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