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Die Entdeckung der Langsamkeit

5. Tag

Heute ist einer der Tage, an dem ich 11 Stunden unterwegs sein werde. Ich breche also bereits um 7 Uhr auf. Eine zauberhafte Morgenstimmung. Die Landschaft um die Schlossalm ist allerdings von den Liftanlagen etwas zersiedelt. Doch als passionierter Skifahrer darf man sich darüber nicht beschweren. Ich schrecke in den verlassenen Gebäuden des Sessellifts „Hohe Scharte“ ein Murmeltier auf. Und denke darüber nach, wie weit weg in den zurückliegenden vier Tagen die Zivilisation mit all den täglichen Sorgen und Problemen gerückt ist. Zeitungen und Nachrichten? Ich vermisse sie nicht. Hier oben relativieren sich die Dinge. Die wirklich wichtigen Nachrichten werden mich schon erreichen. Auch mein Blackberry checke ich nur noch zweimal am Tag.

Was mir sehr gefällt: Alle sind über 1000 Meter per Du. Es regiert das, was ich die „Berg-Ehrlichkeit“ nenne. Man kann seine Wanderstecken vor der Hütte stehen lassen, niemand würde sie mitnehmen. Man sperrt sein Zimmer nicht ab. Es ist ein „Miteinander“, wie man es im Tal so nicht mehr kennt. Ein schönes Gefühl, das süchtig machen kann. Ich komme heute gut voran. Schon nach zweieinhalb Stunden bin ich im Angertal. Doch nun steht ein Aufstieg von 1000 Höhenmetern auf die Miesbichlscharte bevor. 1000 Höhenmeter – ohne Erholungspause. Und es ist bereits wieder brütend heiß. Keine Bäume, kein Schatten. Da passiert es, das Unerwartete. Plötzlich sagt eine Stimme in mir: „Martin, was soll das? Was machst du hier eigentlich? Willst du dich die nächsten 10 Tage weiter so quälen?“

Mein Körper würde sich zwar sicher auch diese 1000 Meter wieder hochschleppen. Aber meine Psyche streikt. Wie ein störrischer Esel. Und signalisiert mir: Schluss mit diesem absurden Plan! Ich muss gestehen: Meine Tagesetappen sind einfach zu ambitioniert. Sie sind nicht mehr Lust sondern nur noch Last. Die regulären Etappen sind im Prinzip perfekt konzipiert. Sie vereinen sportlichen Anspruch mit Genuss. Ich hab gestern am Abend im Hofgasteinerhaus lange mit zwei Bergsteigern gesprochen, die ebenfalls auf dem Almenweg unterwegs sind. Die beiden sind bestens in Form. Aber sie gehen trotzdem meistens nur eine Etappe pro Tag. Meine 2-Wochen-Zeitplanung fanden sie völlig unrealistisch – und unsinnig. „Das kommt selbst ein Profibergsteiger in Grenzbereiche“ so lautete ihr Fazit. Und auch der Hüttenwirt, der den gesamten Almenweg bestens kennt, sagte: „Vergiss´ es, das ist nicht zu schaffen. Denn die wirklich harten Etappen kommen erst noch.“

Es ist einer dieser Momente im Leben, in dem man von sich selbst überrascht ist und mit sich kämpft. Diese Tour zu machen, war mein großer Traum. Ich habe eine Menge Energie in die Planungen und Vorbereitung investiert, ich habe vielen Leuten davon erzählt. Und es gab´ bisher auch so viele wunderbare Momente. Jetzt aufzugeben, das wäre eine Niederlage. Nein, so schnell kriegt mich dieser Berg-Mephisto nicht! Ich steige 20 schweißtreibende Minuten weiter. Doch die negativen Gedanken holen mich bald wieder ein. Was soll ich machen? In meinem bisherigen Leben hat es sich immer bezahlt gemacht, auf meine innere Stimme zu hören. Sie hat mich gut beraten.

Ich rufe Christina an, meine österreichische Betreuerin. Und schildere ihr ganz offen meine Krise. „Was meinst du, soll ich vielleicht noch zwei, drei Tage weitergehen, um eine Woche vollzukriegen“ frage ich sie. „Dann hätte ich zumindest die Hälfte geschafft und könnte Bilanz ziehen.“ Aber Christina sagt das, was ich mir insgeheim gewünscht habe: „Hör auf deine innere Stimme, geh´ zurück und nimm´ die Seilbahn ins Tal. Du musst niemanden etwas beweisen und keiner wird sauer sein. Im Gegenteil, es ehrt dich, dass du deine Gedanken und Zweifel so offenlegst.“

Danke Christina! Ich kehre also um. Für mich ein markanter Moment. Aber seltsam. Ich wirke plötzlich befreit, als der Leistungsdruck von mir abfällt. Der Rucksack wiegt gleich einige Kilo weniger. Und ich achte wieder auf Details, die ich im Schnelldurchlauf gar nicht wahrgenommen hatte: Bergklee, Blutwurz und Enzian am Wegesrand. Und natürlich Alpenrosen. Ganze Felder davon. Ich nehme mir Zeit, auch mal länger stehenzubleiben und einen Schmetterling zu beobachten. Ich entdecke die Langsamkeit. Ja, das ist es, das angemessene Tempo für den Salzburger Almenweg. Es macht wohl mehr Sinn für mich, die noch ausstehende Etappen mit der gebührenden Zeit zu absolvieren. Vielleicht immer drei, vier Etappen am Block. Nein, ich werde meinen Traum nicht aufgeben, den Almenweg insgesamt zu begehen.

Aber ich bin geheilt von der verrückten Idee, dass das unbedingt an einem Stück und in zwei Wochen passieren muss. Bin ich gescheitert? Äußerlich vielleicht ja. Ich werde einigen Leuten erklären müssen, warum ich das gesteckte Ziel nicht erreicht habe. Und in diesem Blog habe ich versucht, euch daran teilhaben zu lassen. Auch an den Gründen, die mich letztlich zum vorläufigen Abbruch meiner Expedition an meine Leistungsgrenzen und darüber hinaus veranlasst haben. Ich hoffe, mir ist das einigermaßen überzeugend gelungen. Aber ich habe für mich auch gewonnen. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass man mit 48 Jahren einige Vorhaben gelassener angehen sollte. Dass man sich viel
vornehmen kann, die Natur einem aber letztlich die Grenzen aufzeigt. Und das ist gut so!

Als ich nach Mitternacht nach München zurückkomme, schläft meine Frau bereits. Aber sie hat mir eine Seite auf den Tisch gelegen, die sie aus der „Welt am Sonntag“ ausgerissen hat. Es geht um die vieldiskutierte Abschiedsrede des US-Highschool-Lehrers David McCullough an seine „verwöhnten“ Schüler, die auf youtube millionenfach aufgerufen wurde. Ein Zitat der Rede ist in dem Artikel groß herausgestellt: „Besteigt den Berg, damit ihr die Welt sehen könnt, und nicht, damit die Welt euch sieht.“ Besser kann man es nicht sagen.

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Sonne fürs Gipfelfoto.

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Kommentare

  1. Martin Fraas
    geschrieben von Martin Fraas

    Hallo Mac, Du hast natürlich Recht mit Deinem Kommentar. Man fragt sich wirklich, warum ich nicht meine restliche Zeit dem „Genusswandern“ gewidmet habe, wo ich schon mal zu einer idealen Jahreszeit vor Ort war. Es gab zwei Gründe, die für mich dagegen sprachen: ein beunruhigendes Stechen in meinem Knie, das ich möglichst rasch vom Arzt checken lassen wollte (zum Glück nichts Ernstes) sowie meine Blasen an den Füßen (bedingt durch die für meine Verhältnisse zu ambitionierten ersten Etappen). Beides hätte den weiteren Genuss doch sehr getrübt. Aber ich muss gestehen, die Lust, den Almenweg weiter zu gehen, ist bereits wieder voll erwacht. Vielleicht sogar schon bald, Ende August. Dir schon mal viel Spaß – und Genuss! Martin

  2. geschrieben von Mac

    Da ich selbst vorhabe den Weg zu gehen habe ich mit Interesse deine Beiträge verfolgt. Ich beglückwünsche dich zu der Entscheidung auf deine innere Stimme zu hören und das ehrgeizige Vorhaben nicht um jeden Preis durchziehen zu wollen! Von deiner plötzlichen Umkehr und raschen Abreise war ich jedoch überrascht. War es denn keine Option in den verbleibenden Tagen das Tempo herauszunehmen, einige Etappen in „deiner“ Geschwindigkeit zu gehen und somit den Weg richtig zu genießen?

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