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Begegnung im Dschungel

1. Tag: von Pfarrwerfen zur Mitterfeldalm

Gerade heute. Das Thermometer im Auto zeigt kurz vor Salzburg 33,5 Grad. Eine Hitzewelle liegt über den Alpen. Ich habe den Zeitpunkt meines Starts in Pfarrwerfen, wo ich das Auto lassen werde, möglichst spät gelegt. Auf 16 Uhr. In der Hoffnung, dass es dann schon etwas kühler ist. Vor mir liegt an diesem Sonntagnachmittag eine 4-Stunden-Wanderung mit 1250 Metern Höhenunterschied. Während ich sonst immer mindestens zwei Etappen des Almenwegs gehe, entspricht mein Pensum heute einer normalen Tagesetappe.

Die ersten 20 Minuten sind gleich mal ein Härtetest. Ein Vorgeschmack, auf das, was mich in den nächsten beiden Wochen erwarten soll. Es geht auf einem Ziehweg ohne Unterbrechung nach oben, 200 Höhenmeter. Brutal. Die Sonne brennt gnadenlos. Und unten im Tal ist, ziemlich unromantisch, die Tauernautobahn zu sehen – und zu hören. Reger Verkehr, eine Menge Urlauber sind unterwegs. Bald werden sie irgendwo im Süden am Stand liegen und relaxen. Ich kann nicht sagen, dass ich sie nicht ein bisschen beneide. Nach einer halben Stunde biegt der Weg in einen Wald ab und wird flacher. Das „Höllntal“, das ich nun entlang wandere, macht seinem Namen keine Ehre. Es ist idyllisch. Und ich genieße den Schatten. Alles wäre perfekt. Wenn da nicht in der Ferne Donner zu hören wäre. Dazu weht der Wind immer kräftiger. So stark, dass neben mir im Wald sogar ein Baum umknickt, was mich zu Tode erschreckt. Da braut sich wohl ein sattes Gewitter zusammen. Ich ziehe das Tempo an. Aber es liegen noch 3 Stunden vor mir. Dem Gewitter werde ich wohl nicht entkommen.

Was mich bereits eingeholt hat, ist ein Schwarm fetter Bremsen. Bekanntlich sind die ja vor einem Gewitter besonders aktiv. Bis zu zehn Exemplare der Blutsauger hängen an mir. Ich verfluche meine kurze Hose. Aber es ist definitiv zu heiß, um die Hosenbeine anzuzippen. Mückenschutz – den habe ich aus Gewichtsgründen zuhause gelassen. Ein schwerer Fehler, wie sich nun herausstellt. Mit den Schlaufen meiner Stöcke wedle ich wie eine Kuh mit ihrem Schwanz ständig um mich, um die Biester zu vertreiben. Ich gebe sicher ein seltsames Bild ab, wie ich da hektisch um mich rudernd durch die Landschaft stiefle. Ja, stiefle. Zum Einstieg habe ich mich heute für die Bergstiefel entschieden.

Ist das wirklich der richtige Weg? Der berühmte Almenweg? Nach eineinhalb Stunden, an der unbewirtschafteten Grünmaisalm, auf der kein Mensch zu sehen ist, biegt der einzige gangbare Pfad nach rechts ab. Und ist immer dichter bewachsen. Viele Wanderer können hier nicht unterwegs sein. Die Pflanzen reichen mir bis zur Hüfte. Darunter auch Farn. Wenn ich mit meiner Oma früher im Wald zum Heidelbeerpflücken unterwegs war, machte sie in der Nähe von Farn immer laut „Pschschsch“ und stapfte laut auf. „Wo Farn ist, sind auch Schlangen“ sagte sie. Ich hab´s nichts so mit Schlangen, bin deshalb auch kein großer Freund von solchen Dschungelwegen. Hoffentlich hört dieser steile Jägerpfad bald mal wieder auf. Aber was ist das? Zwanzig Meter vor mir läuft ein Tier den Weg entlang. Sieht aus wie ein fetter Kater. Doch was macht ein Kater in dieser Höhe und fernab der Zivilisation? Ich schlage klirrend die Stöcke gegeneinander, und das fette Tier sprintet davon.

Da unter den Sammelsurium an Pflanzen auch Brennesseln sind, halte ich nun doch an, um die Hosenbeine zu montierten. Zudem es inzwischen spürbar aufgefrischt hat. Es herrscht diese typische Vorgewitterstimmung. Düster, ungemütlich – eine Unruhe liegt über der Natur. Ich wühle gerade in meinem Rucksack, als mein Blick einen Meter entfernt auf ein Augenpaar trifft. Der Kater. Er ist ein Murmeltier. Und hat sich, statt abzuhauen, in eine Felsmulde geflüchtet, lauert jetzt direkt neben mir. Das Murmeltier guckt mich an, bewegungslos. Ich gucke das Murmeltier an. Ich hab´ noch nie ein nicht ausgestopftes Murmeltier so nahe gesehen. Normalerweise sind die doch total scheu. Mein erstes Tiererlebnis auf dieser Tour. Naja, besser als eine Schlange. Kurz vor der ebenfalls unbewirtschafteten Stegalm hat mich das Gewitter endgültig eingeholt. Die letzten Kilometer muss es im Rekordtempo zurückgelegt haben. Bei meiner letzten Zählung lagen zwischen Donner und Blitz noch 10 Sekunden.

Jetzt kracht´s schon, kaum dass ich „eins“ gesagt habe. Und – verdammt – auch direkt neben mir! Man hat so viele Horrorgeschichten von Blitzen in den Bergen gehört. Das ist kein Spaß. In mir kriecht Panik hoch. Etwa 30 Höhenmeter weiter oben sehe ich einen Stall. Meine Fluchtburg. Ich sprinte durch den plötzlich einsetzenden Regen, der ungefähr die Intensität einer Wasserfalldusche hat. Es ist keine Zeit mehr, jetzt noch eine Regenjacke anzuziehen. Noch 50 Meter bis zum Stall. Blitze ringsum. Da passiert es: Ich rutsche aus, falle, kann mich noch etwas mit den Händen abstützen. Bei Gewitter im Schlamm liegen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Schließlich erreiche ich den Stall und kann mich unter dem Dachvorsprung unterstellen. Das Gewitter tobt, aber ich wähne mich in Sicherheit. Zum Glück weiß ich nicht, was meine Frau mir später erzählen wird: Das genau an diesem Tag drei Frauen in einem Schutzhaus aus Holz tödlich von einem Blitz getroffen wurden.

Eine halbe Stunde lang warte ich, bis auf die Haut durchnässt. Als das Gewitter außerhalb meiner Reichweite scheint, gehe ich die letzte Herausforderung des Tages an: Die 270 Höhenmeter hinauf zur Mitterfeldalm, mein Tagesziel. Ich kann die gesamte Wand überblicken, es geht fast senkrecht hoch. Immer noch regnet es in Strömen. Der Boden ist jetzt extrem glitschig. Ich bin dankbar, dass ich die Bergstiefel trage. Im letzten Tageslicht und ausgepowert erreiche ich die Mitterfeldalm. Eigentlich ist eine Tagesetappe mehr als ausreichend. Eine halbe Stunde später sieht die Welt wieder anders aus. Der freundliche Hüttenwirt Hans, der eine wohltuende Gelassenheit ausstrahlt, hat mir mein Schlafquartier gezeigt. Ich hab´ das ganze Lager für mich. Denn außer mir, sind nur noch vier andere Gäste auf der Hütte. Die schlafen in den Zimmern. Bei einem Glas Weißbier, einer Kaspressknödelsuppe und einer Brettljause sitze ich bei Hans in der Küche. Dort gibt es, was meine Hoffnung war, auch wirklich einen Fernseher. Heute ist nämlich ein ganz besonderer Tag. Der Tag des Endspiels der Fußballeuropameisterschaft. Spanien spielt gegen Italien. Und gewinnt 4:0. Ich auf jeden Fall werde nie vergessen, wo ich dieses Finale gesehen habe. Der erste Tag meiner Wanderung, er bot schon mal jede Menge Abenteuer.

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